Die Bürotoilette

Es gibt einen Ort, an dem unsägliches geschieht.

Und doch traut sich niemand davon zu berichten.

„Auch in dieser Toilette befindet sich eine WC-Bürste!!!! Ihre Kolleginnen werden es Ihnen danken!!!“. Ich bin sehr beeindruckt. Nicht von der Menge der verwendeten Ausrufezeichen, sondern davon, dass es tatsächlich Kolleginnen zu geben scheint, die hier mehr produzieren können als eine verschämte Kaffee-Ausgabe.

Wolkenkratzer: der Arbeitsplatz dualer Studenten in der FinanzbrancheGibt es einen unnatürlicheren Ort als die Büro-Toilette? In Kostüm und Anzug, über die Weltwirtschaftskrise schwadronierend geben wir der Umwelt tagein und tagaus zu verstehen, dass wir dem Höhlenmenschen lange entwachsen sind und als überlegenes Schöpfungskrönchen mit unserer puren Gedankenkraft die Welt verbessern (oder zumindest versichern) können. Die Maslow´sche Bedürfnispyramide kennen wir nur von ganz oben, aus banalem Essen wird ein Super-Food-Spektakel mit Instagram-Beweis oder zumindest ein wichtiges Geschäfts-Essen, die banalste Aufgabe wird mit einer Power-Point-Präsentation gefeiert, wir sind wie Barney Stinson bis, „Highway to the Dangerzone“ sollte als Hintergrundmusik laufen, während wir arbeiten, bis  ja, bis wir auf die Toilette müssen. Wenn man so will, ist die Büro-Toilette ein sehr demokratischer Ort mit flacher Hierarchie, eigentlich ganz nett, wenn man nun eben nicht tun müsste, was hin und wieder getan werden muss.

Auch nach sieben Jahren im Lebensraum Büro habe ich mich noch nicht an die Büro-Toilette gewöhnen können. Mit aller Kraft versucht der Homo Büroicus, sich über Kleidung und Ausdrucksweise von der restlichen Welt abzugrenzen und dann ist man gezwungen, wie ein normalsterbliches Wesen, womöglich noch unter indirekten Zeugen in der Nachbarkabine, zu verdauen, egal, ob Schadenabteilung M-Z, Referatsleiter oder CFO. Sozialistische Zustände.
Trotz aller Versuche, das stille Örtchen eher antizyklisch aufzusuchen, lässt es sich nicht immer vermeiden, dennoch in unangenehme Situationen zu geraten. Oben zitiertes Schild befindet sich tatsächlich so oder so ähnlich in vielen Damentoiletten, die ich innerhalb unserer Firma bereits besucht habe, was mich immer wieder stutzig werden lässt. Zum einen fehlt mir tatsächlich die Chuzpe, meine komplette körperliche Wertschöpfung während der Arbeitszeit abzuschließen, so dass mich diese Fähigkeit bei anderen nach wie vor tief beeindruckt. Böse Zungen würden jetzt behaupten, die Arbeit für Versicherungen entmenschlicht halt immer ein bisschen, aber ich halte mich einfach für einen verschämten wie rücksichtsvollen Menschen, was manche Dinge anbelangt. Zum anderen wundere ich mich über diese offene Respektlosigkeit anderen Kollegen gegenüber, die immerhin so ausgeprägt zu sein scheint, dass sich jemand die Mühe macht, mit Word Art ein Schild mit dreidimensionaler Überschrift zu basteln, und Kinder der 90er wissen, dass das schon mal einen Nachmittag dauern kann.

Es müssten ja zumindest statistisch gesehen auch die Damen sein, die mit Michael-Kors-Täschchen und Burberry-Schal elegant über den Marmorboden der Eingangshalle stöckeln und so wunderbar abwertend gucken können, die die Schilder verursachen. Ich bin übrigens nicht sexistisch, aber die Männertoilette ist mir aufgrund des Frau-Seins natürlich nur in der Theorie ein Begriff. Hin und wieder stelle ich mir zwar schon die Frage, wie es sein muss, neben dem Chef oder einem Vorstand am Pissoir zu stehen, aber wie gesagt, reine Spekulation, deshalb muss ich mich auf meine Beobachtungen hinsichtlich der Damenwelt begrenzen. Und hier frage ich mich tatsächlich, ob das stille Örtchen im Büro der letzte Ort der heimlichen Revolution gegen einen Job ist, den man als Kind sicherlich nie als Traumberuf ins Freundebuch von Chantal-Justine geschrieben hat? Oder ob ein Teil der Menschen einfach immer ein entspanntes Verhältnis zu Körperflüssigkeiten haben wird, egal, ob man diese temporär in einem Anzug einsperrt?

Egal, was die Antwort ist, als Botschaft an mein jüngeres Ich würde ich gern festhalten, dass man seine Arbeitskollegen oft intensiver kennenlernt, als man denkt, und dann hilft kein Seminar von der Business-School, sondern ein bisschen Humor und Word Art.
Manuel: Danke an die Einreicherin!

 

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